Angst vor dem Fremden!?

„Da klopfte ein junger Mann kräftig an das Autofenster der Fahrertüre. Ich war mit meiner kleinen Tochter unterwegs. Ich hatte Angst.“

„Wir hatten noch keinen Gartenzaun. Immer wieder standen Flüchtlinge auf der Wiese. Ich wollte meine Tochter nicht mehr alleine draußen spielen lassen.“

Einige ähnliche Erzählungen und schlussendlich ein Posting in Sozialen Medien zu diesem Thema haben Valerie zu diesen Illustrationen inspiriert. Die Bilder sprechen für sich, es ist nicht notwendig, noch viel dazu zu sagen.

Die Auseinandersetzung mit dem Thema ließ unsere Gedanken größere Kreise ziehen.  Wir denken zuerst an Menschen mit uns fremdem kulturellen Hintergrund, an Menschen, die in einer völlig anderen Umgebung aufgewachsen sind. Muss diese Fremde jedoch geographisch so weit weg liegen? Wir müssen nur genauer hinblicken, auf die uns vertraute Gesellschaft, um solche Konstellationen zu entdecken.

Zwei Fremde lernen sich kennen und verlieren dabei die Angst vor dem Unbekannten.

Bewegte Tasten

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Der Comic basiert auf der Geschichte von Aeham Ahmad. Eine Geschichte, die uns vom ersten Moment an in den Bann gezogen hat – auf vielfältige Art. Sie hat uns berührt – mit all der Hoffnung und dem Mut, den sie erzählt. Sie hat uns traurig gemacht, weil sie das Leid von Menschen, deren Alltag von Gewalt und Krieg geprägt ist, schildert. Sie hat uns aber auch freudig gestimmt, mit all der Solidarität und Empathie, die Aeham lebt und erlebt. Und sie hat uns ermutigt – in unserem Vorhaben, Geschichten von Menschen für Menschen zu erzählen.

Aeham ist 1988 in einem Flüchtlingslager namens Jarmuk geboren und aufgewachsen. Jarmuk ist ein Stadtteil der syrischen Hauptstadt Damaskus. In dem Flüchtlingslager lebten vorwiegend Palästinenser, die wegen der Konflikte mit Israel nicht mehr in ihrer Heimat bleiben konnten und deren Nachfolgen. Bis zu 160.000 Menschen wohnten dort, und in dem ursprünglichen als Zeltlager angelegten Viertel gab es Strom, Schulen, Moscheen und Krankenhäuser. Im Jahr 2011 brach in Syrien ein Bürgerkrieg aus – damit änderte sich auch das Leben in Jarmuk drastisch. Hungersnot, Gewalt und Tod bestimmten fortan den Alltag der Bewohner. Trotzdem wollten viele Menschen in Jarmuk ihre Stadt – und die Hoffnung auf ein Ende des Krieges – nicht aufgeben.

Unter ihnen der Musiker Aeham Ahmad. Er brachte sein Klavier auf die Straße und spielte dort, inmitten von Trümmern und Schutt. Seine Erklärung dafür klingt zuerst einmal sehr pragmatisch – er fand keinen beleuchteten Raum mehr, indem er hätte spielen können. Aber vor allem wollte er Hoffnung schaffen und seine eigene Hoffnung bewahren. Aeham spielte und sang in den Straßen von Jarmuk – zusammen mit Freunden und Kindern aus der Stadt. Fast jeder Mensch weiß, dass Musik oft unser Denken und Handeln beeinflussen kann. Musik ist dazu im Stande, sowohl positive aber auch negative Emotionen zu verstärken. Musik bringt Menschen ein Stück näher zusammen.

Im Frühjahr 2015 wurde Jarmuk von der Terrormiliz Islamischer Staat eingeschlossen und war großteils von jeglicher Versorgung abgeschlossen. Die wenigen tausend Menschen, die zu dieser Zeit noch dort lebten, darunter auch viele Kinder, hatten keinen Zugang mehr zu Nahrung, Wasser und Strom. Irgendwann sah auch Aeham keinen anderen Weg mehr als jenen, der ihn aus Syrien hinausführte. Im Herbst 2015 beschritt er den gefährlichen Weg von Syrien nach Europa. Seine Frau und zwei Kinder ließ er zurück – in der Hoffnung, dass sie später auf legalem und sicherem Weg nach Europa kommen können.

Aeham hatte Glück. Er schaffte den Weg von Syrien nach Deutschland. Dort fand er schon bald Anschluss, Menschen, die ihn unterstützen und auch die Möglichkeit, Klavier zu spielen. Seit Mai 2016 hat er einen positiven Asylbescheid und kann in Deutschland bleiben.

Diese Geschichte wurde inspiriert von Aeham. So einzigartig und besonders sie ist, so ist Aeham doch einer von vielen. Aeham ist ein Teil der „Flüchtlingswelle“, die im Moment Europa „überschwemmt“.

Jede dieser Geschichten ist einzigartig, jede verdient es, erzählt zu werden.

Blickwinkeln am Brunnenmarkt

Letztes Wochenende war wieder mal gemeinsames blickwinkeln angesagt. (Blickwinkel als Verb – zugegebenermaßen unsere Eigenkreation – gefällt uns irgendwie, damit können wir in einem Wort lange Wortkombinationen wie „Blickwinkel-Arbeits-Wochenende“, „Projektarbeits-Wochenende“, „Interviews führen und Comickonzepte erstellen“ zusammenfassen 😉 )

Treffpunkt ist in Wien. Bei dem herrlichen Wetter ist es klar, dass wir unser Tun nach draußen verlegen – zum Glück ist das bei unserem Vorhaben ja möglich bzw. sogar vorteilhaft.

Als Ort des Geschehens wählen wir den Brunnenmarkt und den angrenzenden Yppenplatz in Ottakring, aus mehreren Gründen: Weil die Stimmung am Yppenplatz einzigartig in Wien ist. Weil’s dort gutes Essen gibt. Weil es dort so viele bunte Dinge und Menschen zu entdecken gibt. Weil es nur einen kurzen Spaziergang von Kathrins Wohnung entfernt ist (ein rationaler Grund 🙂 ). Und und und…

Wie wir bei der Ankunft dort feststellen, ist es die richtige Wahl. Am Samstag werden wir sogar von einem Straßenkunstfestival am Yppenplatz überrascht. Während wir also Geschichten besprechen und Storyboards austüfteln, gibt’s Entertainment vom Feinsten gratis dazu.

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Grund genug für uns, um am Sonntag noch mal hinzuschauen. Da gibt es zwar kein Straßenfest mehr, aber ich finde, die Brunnenmarkt-Gegend hat auch am Sonntag etwas Anziehendes, es ist ein ganz eigenes Gefühl, durch die leeren Marktstände zu flanieren.

Einer der Stände ist aber nicht leer, ein Mann werkt geschäftig darin und wir beschließen spontan, ihn anzusprechen. Bei unserer Icebreaker-Frage „Was bedeutet Heimat für dich?“ muss Ömer nicht lange überlegen, seine Heimat ist und bleibt der Ort, wo er geboren und aufgewachsen ist, nämlich die Türkei, obwohl er schon seit über 20 Jahren nicht mehr dort lebt. Aus einer nur kurz geplanten Befragung wird eine 1 ½ stündige Unterhaltung. Ömer hat viel zu berichten, von seinem Leben in der Türkei, seiner Auswanderung nach Deutschland vor über 20 Jahren, seiner Umsiedlung nach Wien vor wenigen Monaten, Unterschieden und Gemeinsamkeiten zwischen Deutschland und Österreich, Anfangsschwierigkeiten, dem Einschreiten bei Auseinandersetzungen am Brunnenmarkt,…

Während des Gesprächs gibt’s für uns all-inclusive-Verpflegung, Ömer kredenzt uns Lahmacun, Baklava, und diese herrliche Süßpeise, von der wir den Namen vergessen haben (alles selbst gemacht natürlich!).

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Womöglich wären wir noch Stunden bei Ömer gestanden, aber leider geht auch ein Blickwinkel-Wochenende irgendwann zu Ende… Wir ihn aber sicher wieder mal besuchen und ihr werdet bestimmt noch mehr über ihn erfahren…

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