Syrienkonflikt kurz und knapp erklärt – die Challenge

Tagtäglich hört man von den zahlreichen Flüchtlingen, die nach Europa kommen. Die Mehrheit von ihnen kommt aus Syrien. Auch wir sind im vergangenen Jahr vielen jungen Menschen aus Syrien begegnet. Sie mussten ein Heimatland verlassen, in dem bereits seit Jahren Bürgerkrieg herrscht. Ein Ende des Syrienkonflikts ist so schnell nicht in Sicht. Das sind, leicht überspitzt gesagt, die Infos, die für jede und jeden von uns leicht zugänglich sind. Aber wenn man mehr wissen möchte? Worum geht’s eigentlich im Syrienkonflikt? Was waren die Auslöser dafür? Wer sind die Menschen, die fliehen müssen? Und wo liegt Syrien eigentlich?

Wie ich finde, ist es eine ziemliche Herausforderung, die Geschehnisse in Syrien zusammenzufassen, ohne dass dabei ein zweistündiger Vortrag oder ein 27-seitiger Bericht (der nur von wenigen gelesen werden würde) herauskommt.

Aber ich wage mich nun an diese Aufgabe heran und wir werden sehen, wo es hinführt… Anspruch auf Vollständigkeit kann ich in diesem Artikel nicht erheben.

Beginnen wir einmal mit der Frage, wo Syrien liegt, die ist nämlich noch recht einfach zu beantworten. Syrien liegt im Nahen Osten in Vorderasien und grenzt an die Türkei, Irak, Jordanien, Israel, Libanon und das Mittelmeer:

© Google Maps 2016

In Syrien herrscht Bürgerkrieg. Das wissen wir schon. Begonnen hat er 2011. Im Zuge des Arabischen Frühlings kam es auch in Syrien zu Protesten der Bevölkerung. Demonstriert wurde unter anderem gegen das Regime von Präsident Baschar al-Assad, das die Menschen in Syrien, vor allem jene, die Kritik an der Regierung übten, unterdrückte, verhaftete, folterte und manchmal sogar tötete. Aus anfangs friedlichen Protesten entwickelte sich schnell ein komplexer Bürgerkrieg. Zahlreiche Parteien mit unterschiedlichen Interessen kämpfen gegeneinander (da wird es jetzt schon ziemlich kompliziert).

Das sind zum einen Unterstützer und Gegner des Assad-Regimes. Das syrische Regime will an der Macht bleiben, die syrischen Rebellen möchten die jetzige Regierung stürzen und selbst an die Macht. Die Terrormiliz „Islamischer Staat“ hat das durch den Bürgerkrieg entstandene Chaos in Syrien genützt und weite Teile des Landes erobert. Der „Islamische Staat“, kurz IS, will Syrien abschaffen und ein länderübergreifendes islamisches Herrschaftsreich errichten. Dann kommen noch andere Interessenten ins Spiel, unter ihnen die USA und Russland. Russland auf Präsident Assads Seite und die USA als Unterstützer der Rebellen.

Das Ausmaß der Grausamkeiten im syrischen Bürgerkrieg ist für Menschen, die in Ländern leben, in denen Frieden herrscht, kaum vorstellbar. (Und die Recherche dazu ist – milde ausgedrückt – ziemlich deprimierend.)
Immer wieder gab und gibt es Angriffe auf die Zivilbevölkerung, es kam auch zum Einsatz von Fassbomben und Chemiewaffen, die Auswirkungen davon sind besonders schlimm. Systematische Massenhinrichtungen von jungen Männern, aber auch Frauen und Kindern, sind keine Seltenheit. Der IS, aber auch das Assad-Regime sind dafür verantwortlich, um die Rebellen zu bestrafen.
In Gefängnissen des Regimes kommt es regelmäßig zu Folter bis hin zum Tod und systematischen Vergewaltigungen. Auch syrische Rebellengruppen und der Islamische Staat schrecken nicht vor Foltermethoden und Vergewaltigung zurück.
Ganze Städte und Dörfer liegen in Trümmern und werden systematisch ausgehungert. Das geschieht nicht nur durch das Assad-Regime, auch durch andere Konfliktparteien. Von Oppositionellen oder dem IS gehaltene Städte werden von jeglicher Versorgung mit Lebensmitteln, Medikamenten oder Strom abgekapselt. Einmal mehr muss die Zivilbevölkerung leiden, besonders schwer trifft es ältere Menschen, Frauen und Kinder. Aushungern als Waffe wurde auch im syrisch-palästinensischen Flüchtlingslager Jarmuk angewendet, aus dem der junge Musiker Aeham Ahmad kommt. Seine berührende Geschichte könnt ihr im Blickwinkel Comic Bewegte Tasten lesen.

Jarmuk im Februar 2014 © AFP/UNRWA

Der Bürgerkrieg in Syrien forderte seit seinem Beginn im Jahr 2011 mindestens 250.000 Todesopfer. Die Dunkelziffer könnte jedoch bei über 400.000 liegen. Ein Großteil der Opfer sind Zivilisten.
Die Hälfte aller Menschen aus Syrien hat durch den Krieg ihr Zuhause verloren. Die Zahl der syrischen Flüchtlinge beläuft sich mittlerweile auf etwa zwölf Millionen. Fast sieben Millionen Menschen sind innerhalb von Syrien auf der Flucht, man nennt sie Binnenvertriebene. Etwa fünf Millionen Syrerinnen und Syrer mussten ihr Heimatland verlassen, der überwiegende Teil von ihnen lebt nun in den Nachbarländern Syriens, vorwiegend in der Türkei, dem Libanon und Jordanien.
Und wie viele syrische Flüchtlinge sind bisher nach Europa gekommen? Eine Million Menschen aus Syrien haben bisher in ganz Europa um Asyl angesucht. Eine recht hohe Zahl, oder? Naja, es leben auch immerhin 740 Millionen Menschen in ganz Europa. Übrigens – die Süddeutsche Zeitung befragte Geflüchtete aus Syrien nach den Gründen für ihre Flucht und fand dabei folgende interessante Tatsache raus: Nur 8% der Befragten wollen in Europa bleiben, die Mehrheit will nach Syrien zurückkehren, sobald dies möglich ist.

So, nun aber genug von Zahlen. Wir finden nämlich, dass etwas zu oft abstrakte Zahlen im Vordergrund stehen und weniger die Menschen, vor allem, wenn es um Geflüchtete geht. Natürlich braucht es oft ein paar konkrete Zahlen, um Relationen darstellen zu können. Ein interessanter Punkt ist nämlich, dass die meisten Menschen aus Syrien nicht nach Europa geflohen sind, sondern innerhalb ihres eigenen Landes nach Schutz suchen. Für diejenigen Menschen, die in Syrien geblieben sind, zählt oft alleine das Überleben. Viele haben die Städte verlassen, auf der Suche nach Sicherheit in den ländlichen Gebieten. Fast die Hälfte der syrischen Kinder kann nicht zur Schule gehen. Schulen wurden zerstört, sind von Bewaffneten besetzt oder dienen als Flüchtlingsherbergen. Teilweise findet der Unterricht in Kellern statt, um vor Luftangriffen geschützt zu sein.
Ein Großteil jener, die Syrien verlassen mussten, wartet noch immer in den syrischen Nachbarländern darauf, bald wieder in die Heimat zurückkehren zu können (wobei die Hoffnung mehr und mehr schwindet).

Deswegen beschließen viele, wenn sie es sich leisten können, die gefährliche und kostspielige Weiterreise nach Europa zu riskieren. Schmuggler verlangen einen hohen Preis, zwischen 2000 und 8000 Euro muss man schon aufbringen für ein Leben in Frieden und Sicherheit. So sind es auch meist Angehörige der Mittelschicht mit einer guten Bildung, die sich auf den Weg nach Europa machen. Für die Ärmeren ist es schier unmöglich, den Betrag für die Schmuggler aufzubringen. Oft investiert die gesamte Familie, um einen Sohn nach Europa zu schicken. In der Hoffnung, dass Frauen und Kinder später auf sicherem Weg nachkommen können.

Die Route führt für die meisten über die Türkei auf griechische Inseln und schließlich aufs europäische Festland. Die überfüllten Flüchtlingsboote, die den gefährlichen Weg über das Mittelmeer wagen und diesen viel zu oft nicht schaffen, haben wir wohl alle im Kopf. Von dort führte die Reise bisher weiter über die Balkanländer nach Österreich und Deutschland. Doch die Grenze zwischen Griechenland und Mazedonien ist nun dicht und etliche Menschen sind in Griechenland gestrandet. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Wie geht es weiter? Tatsache ist, dass diese Menschen geprägt sind von Verzweiflung und Hoffnung zugleich. Verzweifelt und hoffnungsvoll werden sie weiterhin versuchen, für ihre Kinder, für ihre Eltern, für ihre Geschwister, für ihre Lieben und sich selbst ein Leben ohne Krieg und in ständiger Angst zu erreichen. Sie werden neue Wege in dieses Leben suchen und auch finden. Die Frage ist, ob ihnen weiterhin Steine in den Weg gelegt werden oder ihnen helfende Hände gereicht werden.

© AFP

Quellen und weiterführende Infos:

http://www.unhcr.at/no_cache/detail/artikel/artikel//traurige-bilanz-von-fuenf-jahren-krieg-in-syrien-1.html

http://data.unhcr.org/syrianrefugees/asylum.php

http://www.spiegel.de/politik/ausland/krieg-in-syrien-alle-wichtigen-fakten-erklaert-endlich-verstaendlich-a-1057039.html

http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/syrien-zwei-millionen-kinder-gehen-nicht-zur-schule-a-1082168.html

http://www.spiegel.de/politik/ausland/syrien-aushungern-wird-zur-kampfmethode-a-1040310.html

http://www.zeit.de/politik/2016-04/fluechtlingsrouten-europa-mittelmeer

http://www.bbc.co.uk/newsround/16979186

http://www.sueddeutsche.de/politik/umfrage-unter-syrischen-fluechtlingen-sie-fliehen-wegen-der-fassbomben-1.2681748

Bewegte Tasten

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Der Comic basiert auf der Geschichte von Aeham Ahmad. Eine Geschichte, die uns vom ersten Moment an in den Bann gezogen hat – auf vielfältige Art. Sie hat uns berührt – mit all der Hoffnung und dem Mut, den sie erzählt. Sie hat uns traurig gemacht, weil sie das Leid von Menschen, deren Alltag von Gewalt und Krieg geprägt ist, schildert. Sie hat uns aber auch freudig gestimmt, mit all der Solidarität und Empathie, die Aeham lebt und erlebt. Und sie hat uns ermutigt – in unserem Vorhaben, Geschichten von Menschen für Menschen zu erzählen.

Aeham ist 1988 in einem Flüchtlingslager namens Jarmuk geboren und aufgewachsen. Jarmuk ist ein Stadtteil der syrischen Hauptstadt Damaskus. In dem Flüchtlingslager lebten vorwiegend Palästinenser, die wegen der Konflikte mit Israel nicht mehr in ihrer Heimat bleiben konnten und deren Nachfolgen. Bis zu 160.000 Menschen wohnten dort, und in dem ursprünglichen als Zeltlager angelegten Viertel gab es Strom, Schulen, Moscheen und Krankenhäuser. Im Jahr 2011 brach in Syrien ein Bürgerkrieg aus – damit änderte sich auch das Leben in Jarmuk drastisch. Hungersnot, Gewalt und Tod bestimmten fortan den Alltag der Bewohner. Trotzdem wollten viele Menschen in Jarmuk ihre Stadt – und die Hoffnung auf ein Ende des Krieges – nicht aufgeben.

Unter ihnen der Musiker Aeham Ahmad. Er brachte sein Klavier auf die Straße und spielte dort, inmitten von Trümmern und Schutt. Seine Erklärung dafür klingt zuerst einmal sehr pragmatisch – er fand keinen beleuchteten Raum mehr, indem er hätte spielen können. Aber vor allem wollte er Hoffnung schaffen und seine eigene Hoffnung bewahren. Aeham spielte und sang in den Straßen von Jarmuk – zusammen mit Freunden und Kindern aus der Stadt. Fast jeder Mensch weiß, dass Musik oft unser Denken und Handeln beeinflussen kann. Musik ist dazu im Stande, sowohl positive aber auch negative Emotionen zu verstärken. Musik bringt Menschen ein Stück näher zusammen.

Im Frühjahr 2015 wurde Jarmuk von der Terrormiliz Islamischer Staat eingeschlossen und war großteils von jeglicher Versorgung abgeschlossen. Die wenigen tausend Menschen, die zu dieser Zeit noch dort lebten, darunter auch viele Kinder, hatten keinen Zugang mehr zu Nahrung, Wasser und Strom. Irgendwann sah auch Aeham keinen anderen Weg mehr als jenen, der ihn aus Syrien hinausführte. Im Herbst 2015 beschritt er den gefährlichen Weg von Syrien nach Europa. Seine Frau und zwei Kinder ließ er zurück – in der Hoffnung, dass sie später auf legalem und sicherem Weg nach Europa kommen können.

Aeham hatte Glück. Er schaffte den Weg von Syrien nach Deutschland. Dort fand er schon bald Anschluss, Menschen, die ihn unterstützen und auch die Möglichkeit, Klavier zu spielen. Seit Mai 2016 hat er einen positiven Asylbescheid und kann in Deutschland bleiben.

Diese Geschichte wurde inspiriert von Aeham. So einzigartig und besonders sie ist, so ist Aeham doch einer von vielen. Aeham ist ein Teil der „Flüchtlingswelle“, die im Moment Europa „überschwemmt“.

Jede dieser Geschichten ist einzigartig, jede verdient es, erzählt zu werden.